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Wie weit reicht das Potenzial des US-Derivatemarkts?
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Durch das breitere Angebot an Laufzeiten, längere Handelszeiten und vielfältigere Absicherungsmöglichkeiten verändern die US-Finanzmärkte die Art und Weise, wie Anleger handeln und Risiken steuern. Dieser Wandel an den Finanzmärkten geht weit über Large Caps hinaus und eröffnet neue Chancen für ein aktives Management.
Eine neue Phase der Finanzinnovation
Der US-Derivatemarkt verschiebt seine Grenzen kontinuierlich. Ab dem 9. November 2026 wird Cboe Global Markets schrittweise neue S&P-500-Optionen einführen, deren Abrechnungswerte auf den Eröffnungskursen basieren und damit die bestehenden, auf Schlusskursen basierenden Kontrakte ergänzen. Die Einführung erfolgt schrittweise: Die ersten beiden Verfallstermine sind für den 18. November und den 16. Dezember 2026 vorgesehen, bevor das Modell weiter ausgebaut wird.
Die Änderung mag auf den ersten Blick technisch erscheinen. Tatsächlich ist sie Teil einer weitaus umfassenderen Entwicklung des US-Marktes: Anlegern immer mehr Flexibilität zu bieten.
Dies ist Teil eines übergeordneten Trends. S&P-500-Optionen bieten inzwischen tägliche Verfallstermine und können zu verlängerten Handelszeiten nahezu 24 Stunden am Tag, fünf Tage die Woche gehandelt werden.
Der Trend geht somit in zwei Richtungen: zu immer kürzeren Zeithorizonten und gleichzeitig immer längeren Handelszeiten. Das Ziel ist klar: Anleger sollen ihre Engagements immer präziser anpassen und Risiken absichern können, unabhängig von den traditionellen Handelszeiten der Finanzmärkte.
Der große Wandel: eine immer feinere zeitliche Abstufung
Die moderne Entwicklung des Marktes für S&P-500-Optionen ist durch eine deutliche Zunahme der Häufigkeit von Verfallsterminen geprägt.
Die traditionelle Ära (quartalsweise und monatliche Verfallstermine):
In der Vergangenheit nutzten Anleger zur Absicherung hauptsächlich monatliche oder quartalsweise Verfallstermine. Ein Portfolio gegen ein einmaliges Ereignis abzusichern, ließ sich daher damit vergleichen, für eine zweistündige Autofahrt eine Kfz-Versicherung für ein ganzes Jahr abzuschließen.Das Aufkommen von 0DTE (Zero Days to Expiration):
Ab 2022 weitete der US-Markt den Zugang zu täglichen Verfallsterminen aus. Anleger können nun Absicherungen erwerben, die nur für einen einzigen Handelstag gelten.Die nächste Stufe (zweimal tägliche Abrechnungsmöglichkeiten):
Mit der Einführung neuer Verfallstermine, deren Abrechnung auf Basis der Eröffnungskurse erfolgt und die die bestehenden, auf Schlusskursen basierenden Verfallstermine ergänzen, können Anleger den Zeitpunkt ihres Risikomanagements noch präziser steuern. Erwähnenswert ist zudem, dass S&P-500-Optionen bereits außerhalb der traditionellen Handelszeiten der Aktienmärkte gehandelt werden können, was zusätzliche Flexibilität bietet.
Ein Asset Manager kann eine Absicherung somit gezielter auf die Veröffentlichung eines makroökonomischen Indikators, eine geldpolitische Entscheidung oder über Nacht entstandene Risiken abstimmen, ohne zwangsläufig die Kosten für eine Absicherung über einen längeren Zeitraum tragen zu müssen.
Diese Flexibilität kann dazu beitragen, die Kosten der Portfolioabsicherung zu optimieren und den finanziellen Schutz zunehmend zu einer Art „À-la-carte“-Angebot zu machen.
Der große Wandel: Derivate rücken in den Mittelpunkt der Aktienmärkte
Gleichzeitig ist das Handelsvolumen stark gestiegen.
Im Jahr 2025 wurden an den US-Märkten mehr als 15,2 Milliarden Optionskontrakte gehandelt. Dies entspricht einem Anstieg von 26 % gegenüber dem Vorjahr und markiert das sechste Rekordjahr in Folge. Das durchschnittliche tägliche Handelsvolumen erreichte rund 61 Millionen Kontrakte.
Noch bemerkenswerter war das Wachstum bei Optionen mit sehr kurzen Laufzeiten.
Allein auf den S&P 500 wurden 2025 durchschnittlich 2,3 Millionen 0DTE-Optionskontrakte pro Tag gehandelt. Dies entsprach 59 % des gesamten Handelsvolumens von SPX-Optionen.
Diese Zahlen deuten auf einen strukturellen Wandel hin: Derivate sind längst kein Nischenmarkt mehr, der Spezialisten vorbehalten ist. Sie sind zu einem zentralen Bestandteil des US-Finanzökosystems geworden.
Mit dieser immer feineren zeitlichen Abstufung ging ein massiver Anstieg der Handelsvolumina einher. In der Vergangenheit war der Kassamarkt für Aktien, an dem Aktien einzelner Unternehmen gehandelt werden, das Herzstück des Aktienmarktes, während Derivate eher eine untergeordnete Rolle spielten.
Heute entfällt ein erheblicher Teil der Marktaktivität auf Derivate.
Indikative Aufschlüsselung des täglich gehandelten Nominalwerts an den US-Märkten:
Market | Indicative share |
Derivatives (options and futures) | ~70% |
Cash equities | ~30% |
Dieser Vergleich auf Basis der Nominalwerte verdeutlicht die Bedeutung, die Futures und Optionen an den US-Finanzmärkten mittlerweile erlangt haben. Er sollte jedoch nicht als Vergleich des tatsächlich investierten Kapitals oder des letztlich getragenen wirtschaftlichen Risikos verstanden werden.
Zunehmend vernetzte Märkte: Transaktionen mit einzelnen Aktien sind längst nicht mehr die einzigen Faktoren, die die Entwicklung von Indizes beeinflussen. Auch Absicherungsströme, Anpassungen von Positionierungen und systematische Strategien, die über Derivate umgesetzt werden, spielen bei der kurzfristigen Preisbildung eine zunehmend wichtige Rolle.
Auswirkungen auf die Volatilität: ein „Stoßdämpfereffekt“?
Das starke Wachstum sehr kurzfristiger Optionen hat naturgemäß Fragen nach ihren Auswirkungen auf die Marktstabilität aufgeworfen. Empirische Erkenntnisse deuten jedoch in die entgegengesetzte Richtung: Anstatt die Volatilität zwangsläufig zu verstärken, könnte die Ausweitung täglicher Verfallstermine die Volatilität des S&P 500 gedämpft haben.
Period / expiry regime | Average realised volatility of the S&P 500 |
Pre-0DTE period (10-year history) | 14.5% – 15.5% |
Daily 0DTE period (since 2022) | 12.5% – 13.5% |
Ein Vergleich der durchschnittlichen realisierten Volatilität des S&P 500 vor und nach der breiten Einführung täglicher Verfallstermine zeigt einen allgemeinen Rückgang des Volatilitätsniveaus.
Was erklärt diesen Rückgang? Eine aktuelle wissenschaftliche Studie von Forschern der University of Pennsylvania, der Bank of Canada und der University of Toronto kommt zu dem Ergebnis, dass die Intermediation durch Market Maker die Indexvolatilität im Durchschnitt dämpft. Anhand der schrittweisen Einführung zusätzlicher Verfallstage schätzen die Autoren, dass die annualisierte Volatilität an Tagen mit einem 0DTE-Verfall um 60 bis 90 Basispunkte niedriger ist.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine größere Bandbreite an Absicherungsmöglichkeiten nicht zwangsläufig zu einer höheren Marktinstabilität führt. Vor allem unterstreichen sie ein wesentliches Merkmal des US-Marktes: die Tiefe und hohe Entwicklungsstufe seines Derivate-Ökosystems.
Die Besonderheit des US-Marktes
Die Tiefe des Derivatemarktes ist ein charakteristisches Merkmal des US-Finanzsystems. Seine Liquidität und die Vielfalt der verfügbaren Instrumente bieten Anlegern bei der Risikosteuerung ein Maß an Flexibilität, das in vielen anderen Märkten nur schwer zu erreichen ist.
Wichtig ist, dass sich dieser Vorteil nicht nur auf US-Large-Caps beschränkt. Auch US-Small- und Mid-Caps profitieren von einem hoch entwickelten Derivatemarkt.
US-Small- und Mid-Caps: ein unterschätztes Derivate-Ökosystem
In Bezug auf Small- und Mid-Cap-Aktien hält sich hartnäckig die Annahme, dass eine begrenzte Liquidität mit einem Mangel an Instrumenten zur Absicherung und Steuerung von Positionen einhergeht. Bei US-Small- und Mid-Caps sieht die Realität jedoch ganz anders aus.
Erstens ist die Tiefe des Derivatemarktes bemerkenswert. Nur wenige Anleger wissen beispielsweise, dass das durchschnittliche tägliche Handelsvolumen bei Futures auf den Russell 2000 etwa achtmal so hoch ist wie bei Futures auf den CAC 40.
Zweitens sind Derivatemärkte entgegen der weit verbreiteten Annahme keineswegs auf Mega-Caps beschränkt. Für mehr als 80 % der im Russell 2000 enthaltenen Aktien sind in den USA börsennotierte Optionen verfügbar. Ein derart hoher Anteil an Aktien mit handelbaren Optionen bietet ein Maß an Flexibilität beim Handel und eine Markttiefe, die in diesem Umfang auf anderen Märkten nur selten zu finden sind.
Derivate: ein wichtiger Differenzierungsfaktor für aktives Management
Die kontinuierliche Weiterentwicklung des Derivatemarktes, der breiter, liquider und zugänglicher ist als je zuvor, eröffnet aktiven Managern erhebliche Chancen.
Der strategische Einsatz dieser Instrumente, darunter Optionen, Futures und Optionsstrukturen, bietet zwei wesentliche potenzielle Vorteile:
01
Zusätzliche Alphaquellen erschließen, indem Fehlbewertungen bei der Volatilität und Streuungen zwischen einzelnen Wertpapieren genutzt oder Risikoprämien einzelner Aktien vereinnahmt werden.
02
Das Risikomanagement optimieren, etwa durch maßgeschneiderte Absicherungen, ein dynamisches Beta-Management und eine Verbesserung der Asymmetrie des Risiko-Rendite-Profils eines Portfolios.
Der gezielte und disziplinierte Einsatz von Derivaten kann damit zu einem wichtigen Differenzierungsmerkmal für aktive Manager werden. Er ermöglicht es Portfoliomanagern, über die reine Aktienauswahl hinauszugehen und durch die Gestaltung und Steuerung des Risikoprofils ihrer Portfolios zusätzlichen Mehrwert zu schaffen.
Fazit: ein Markt, der besser für das Risikomanagement gerüstet ist
Die Weiterentwicklung von S&P-500-Optionen durch ein breiteres Spektrum an Verfallsterminen und längere Handelszeiten sollte nicht einfach als abstrakte Spekulation betrachtet werden. Sie spiegelt vielmehr ein grundlegendes wirtschaftliches Prinzip wider: Je präziser, häufiger und leichter zugänglich die verfügbaren Absicherungsinstrumente sind, desto besser können Anleger Risiken effizient übertragen und steuern.
Indem Portfoliomanager Absicherungen gezielter auf die Zeiträume abstimmen können, in denen sie tatsächlich benötigt werden, können diese Instrumente die Kosten für unnötig lange Absicherungen reduzieren und dazu beitragen, Phasen erhöhter Unsicherheit abzufedern.
Letztlich ist ein Markt, in dem Absicherungsinstrumente in großer Vielfalt verfügbar, leicht zugänglich und liquide sind, besser in der Lage, Risiken aufzufangen und umzuverteilen. Diese hohe Entwicklungsstufe ist eine strukturelle Stärke des US-Marktes und bietet langfristig orientierten Anlegern und aktiven Managern ein zunehmend breites Instrumentarium, um ihre Portfolios aufzubauen und abzusichern.
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