
Fixed income
Der Gilt‑Markt unter Druck
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Eine Analyse der Treiber hinter den auf Mehrjahrzehnthochs gestiegenen Finanzierungskosten im Vereinigten Königreich – und welche Faktoren erforderlich sind, damit diese wieder sinken.
I. Hauptursachen: ein dreifacher Schock
Der britische Gilt‑Markt ist seit Anfang März 2026 einer seltenen und belastenden Kombination aus drei unterschiedlichen Faktoren ausgesetzt: einem externen Energieschock, einem hartnäckigen inländischen Inflationsproblem sowie einer politischen Krise, die das Vertrauen der Investoren in die fiskalische Entwicklung des Vereinigten Königreichs beeinträchtigt hat. Jeder dieser Faktoren für sich genommen wäre beherrschbar. In ihrer Kombination haben sie jedoch dazu geführt, dass die Renditen 10‑jähriger Gilts auf 5,17 % und 30‑jähriger Gilts auf 5,86 % gestiegen sind – Niveaus, die zuletzt 2008 bzw. 1998 erreicht wurden.
Der unmittelbare Auslöser war der Konflikt im Nahen Osten sowie die faktische Schließung der Straße von Hormus. Der daraus resultierende Energieschock wirkte sich direkt auf die Inflationserwartungen im Vereinigten Königreich aus. In den Swapmärkten wurden auf dem Höhepunkt der Krise Zinserhöhungen der Bank of England im Umfang von 75 Basispunkten bis Jahresende eingepreist. Die britische Inflationsrate (CPI), die im März bereits bei 3,3 % und damit deutlich über dem Zielwert der Notenbank von 2 % lag, dürfte im weiteren Jahresverlauf und insbesondere gegen Ende 2026 über 3,5 % steigen, da höhere Energiekosten zunehmend weitergegeben werden.
Zu diesem Energieschock kam eine innenpolitische Krise hinzu. Die schwache Leistung der Labour-Partei bei den Kommunalwahlen am 7. Mai löste eine Rebellion innerhalb der Parlamentsfraktion aus: Mehr als 80 Abgeordnete forderten Premierminister Keir Starmer zum Rücktritt auf. Drei Junior-Minister traten in kurzer Folge zurück, und bis Mitte Mai positionierten sich sowohl Wes Streeting als auch Andy Burnham öffentlich als mögliche Nachfolger. Die Reaktion des Gilt‑Marktes fiel entsprechend deutlich aus: Politische Instabilität erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Nachfolgers, der eine Lockerung der Fiskalpolitik in Betracht zieht – ein Szenario, das Anleiheinvestoren besonders kritisch sehen.
II. Gilt‑Bund‑Spreads seit Beginn des Konflikts
Die Divergenz zwischen britischen Gilts und deutschen Bundesanleihen seit Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten Anfang März 2026 ist deutlich ausgeprägt. Am 10‑jährigen Laufzeitenpunkt weitete sich der Spread von 166 Basispunkten am 2. März auf 200 Basispunkte bis zum 12. Mai aus. Diese Ausweitung spiegelt sowohl globale Faktoren wider – insbesondere steigende Ölpreise, die alle europäischen Anleihemärkte betreffen – als auch eine spezifische Risikoprämie für das Vereinigte Königreich, die sich im Zeitverlauf kontinuierlich aufgebaut hat.

Quellen: Bloomberg, DPAM, 2026
Die Divergenz lässt sich durch die besondere Anfälligkeit des Vereinigten Königreichs gegenüber dem Energieschock erklären, wie im Folgenden dargestellt, verstärkt durch innenpolitische Risiken, für die es derzeit kein vergleichbares Pendant in Deutschland gibt. Während auch die Renditen deutscher Bundesanleihen gestiegen sind – die 10‑jährige Bundrendite erhöhte sich im gleichen Zeitraum von 2,64 % auf 3,16 % – fiel der Anstieg bei Gilts sowohl absolut als auch relativ deutlich stärker aus. Gilts bleiben damit der klare Underperformer, gefangen zwischen den doppelten Belastungen global steigender, energiegetriebener Inflationsrisiken und zunehmender politischer Instabilität im Inland.
III. Der Schatten von Liz Truss: ein Vergleich
Vergleiche mit der Mini‑Budget‑Episode unter Liz Truss im September 2022 sind naheliegend, auch wenn sich die Dynamik in wesentlichen Punkten unterscheidet.
Vergleiche mit der Mini‑Budget‑Episode unter Liz Truss im September 2022 sind naheliegend, auch wenn sich die Dynamik in wesentlichen Punkten unterscheidet. Während der Truss‑Episode stieg die Rendite 10‑jähriger Gilts innerhalb von nur fünf Handelstagen sprunghaft von rund 3,10 % (22. September 2022) auf einen Höchststand von 4,51 % am 27. September – ein Anstieg um 140 Basispunkte. Der Spread zwischen britischen und deutschen 10‑jährigen Staatsanleihen weitete sich im gleichen Zeitraum von 153 auf 228 Basispunkte aus, bevor er sich binnen weniger Wochen wieder auf rund 140 Basispunkte verengte, nachdem Truss ihren Kurs korrigierte und schließlich zurücktrat. Die Bank of England sah sich damals gezwungen, mit Notkäufen von Staatsanleihen einzugreifen, um einen Kollaps des LDI‑Pensionssektors zu verhindern.
Die aktuelle Situation unterscheidet sich im Charakter deutlich. Der Truss‑Schock war eine plötzliche, selbst verursachte Fiskalkrise – ein singuläres Ereignis mit klarer Ursache und Lösung durch die Rücknahme des Mini‑Budgets. Die heutige Lage ist hingegen das Ergebnis einer schleichenden Verschlechterung, getrieben durch mehrere Faktoren. Seit Anfang März 2026 ist die Rendite 10‑jähriger Gilts um fast 100 Basispunkte gestiegen – ein langsamerer, aber potenziell nachhaltigerer Anstieg. Entscheidend ist: Es gibt keine einzelne politische Maßnahme, die diese Entwicklung rasch umkehren könnte.
Die Bank of England verfügt über ein Mandat zur Wahrung der Finanzstabilität und könnte eingreifen, sollte die Entwicklung der Gilt‑Renditen als übermäßig eingestuft werden – ähnlich wie im Herbst 2022. Eine erhöhte Volatilität könnte dazu führen, dass sie ihr Quantitative‑Tightening‑Programm anpasst, etwa indem sie aktive Verkäufe von Staatsanleihen pausiert und stattdessen auf ein passives Auslaufen setzt.
Eine wichtige Parallele zu 2022 ist die Rolle ausländischer Investoren. Rund ein Drittel der britischen Staatsanleihen befindet sich in deren Händen – Kapital, das in Krisenzeiten rasch umgeschichtet werden kann.
Sollte ein Nachfolger von Starmer die fiskalischen Verpflichtungen lockern, besteht das Risiko einer marktähnlichen Reaktion wie unter Truss.
IV. Das politische Umfeld: Szenarien und Auswirkungen auf Gilts
Zum Stand 17. Mai 2026 bleibt die politische Lage im Vereinigten Königreich volatil. Wes Streeting hat offiziell angekündigt, gegen Starmer anzutreten, während Andy Burnham durch die Teilnahme an einer Nachwahl einen potenziellen Weg zurück nach Westminster erhält. Der Markt muss daher mehrere Szenarien einpreisen:
Starmer bleibt im Amt: Basisszenario für Stabilität. Der fiskalische Rahmen bleibt bestehen, politische Risikoprämien könnten sich teilweise zurückbilden. Energie- und Inflationsrisiken bleiben jedoch bestehen.
Wes Streeting wird Premierminister: Eine weitgehende Fortführung der aktuellen Fiskalpolitik wäre wahrscheinlich, was aus Marktsicht beruhigend wirken könnte.
Andy Burnham wird Premierminister: Könnte als weniger strikt an bestehende fiskalische Regeln gebunden wahrgenommen werden, was Unsicherheit erhöht und tendenziell zu weiter steigenden Renditen führen könnte.
Ein linksgerichteter Kandidat (Tribune-Gruppe): Ein expansiverer fiskalischer Kurs könnte Renditen weiter steigen lassen und die Volatilität erhöhen, abhängig von den konkreten Maßnahmen.
V. Warum das Vereinigte Königreich inflationsanfälliger ist als andere Märkte
Alle großen Volkswirtschaften sehen sich mit den inflationären Auswirkungen des Energieschocks konfrontiert. Dennoch sind die Renditen britischer Staatsanleihen stärker gestiegen als die vergleichbarer Staaten. Dies reflektiert die Wahrnehmung des Vereinigten Königreichs als strukturell höherinflationäre Volkswirtschaft, mit durchschnittlichen Preissteigerungen von rund 3 % über die letzten 15–20 Jahre. Mehrere Faktoren erklären diese Entwicklung:
Energieabhängigkeit: Hohe Abhängigkeit von Energieimporten macht das Land besonders anfällig für globale Preisschocks.
Inflationsindexierte Schulden: Rund ein Viertel der Staatsverschuldung ist an Inflation gekoppelt, wodurch steigende Preise direkt die Schuldendienstkosten erhöhen.
Persistente Inflation: Insbesondere im Dienstleistungssektor bleibt die Inflation hartnäckig, was Erwartungen „higher for longer“ unterstützt.
Fiskalische Einschränkungen und Angebotsdynamik: Steigende Schuldenstände und anhaltender Emissionsbedarf haben – in Kombination mit der Bilanzverkürzung der Zentralbank – zusätzlichen Aufwärtsdruck auf die Gilt‑Renditen ausgeübt. Gleichzeitig ist zu beachten, dass das Nettoneuangebot in den kommenden Jahren voraussichtlich rückläufig sein wird.
Risikoprämien: Investoren verlangen eine höhere Kompensation für das Halten britischer Staatsanleihen, was sowohl auf globale Unsicherheiten als auch auf innenpolitische Risiken zurückzuführen ist.
VI. Was wäre notwendig, um den Gilt‑Markt zu stabilisieren?
Eine Stabilisierung erfordert eine gleichzeitige Entschärfung aller drei Treiber – einen einzelnen Hebel gibt es nicht.
Politische Klärung: Die unmittelbarste Voraussetzung ist Klarheit über die politische Führung im Vereinigten Königreich und vor allem über dessen fiskalischen Rahmen. Ein neuer Regierungschef, der sich glaubwürdig zu den bestehenden Schuldenregeln bekennt und von den Märkten als verlässlich wahrgenommen wird, könnte die politische Risikoprämie verringern. Sollten die vom Schatzkanzler vorgeschlagenen fiskalischen Puffermaßnahmen als glaubwürdig erachtet werden, könnte dies eine positive Dynamik für die öffentlichen Finanzen auslösen, da sinkende Gilt‑Renditen sowohl niedrigere fiskalische Risiken als auch die Aussicht auf eine lockerere Geldpolitik widerspiegeln würden.
Glaubwürdigkeit der Inflation: Die Bank of England muss unter Beweis stellen, dass sie die Inflation eindämmen kann, ohne eine Rezession auszulösen. Zinserhöhungen könnten helfen, die Inflationserwartungen zu verankern, bergen jedoch das Risiko, die Wachstumsabschwächung zu verst ärken und die fiskalische Lage zu verschlechtern. Das Zusammenspiel aus Energiepreisen, Wachstum und fiskalischer Glaubwürdigkeit stellt die zentrale Herausforderung für den britischen Zinsmarkt dar.
Angebotssteuerung: Ein deutlicher Rückgang des Gilt‑Angebots in den Jahren 2026/27 könnte eine schrittweise Verbesserung der Marktbedingungen unterstützen.
Rolle der Bank of England als Sicherheitsnetz: Sollten Marktstörungen auftreten – etwa in Form einer abrupten und ungeordneten Bewegung statt einer graduellen Neubewertung –, behält sich die Bank of England die Möglichkeit vor, aktive Verkäufe im Rahmen ihres Quantitative‑Tightening‑Programms auszusetzen und zu einem passiven Auslaufen überzugehen. Ein gradueller Renditeanstieg ist für Investoren grundsätzlich verkraftbar, entscheidend sind jedoch Geschwindigkeit und Ausmaß der Bewegung.
Geopolitische Entspannung: Letztlich würde eine Lösung der Störungen in der Straße von Hormus einen wesentlichen Treiber des aktuellen Inflationsimpulses beseitigen. Britische Staatsanleihen zeigen eine hohe Sensitivität gegenüber Energiepreisen und risikobehafteten Anlagen, was sich sowohl in starken Kurserholungen bei positiven Nachrichten (z. B. Deeskalation) als auch in deutlichen Rückgängen bei negativen Entwicklungen widerspiegelt.
Das unbequeme Fazit lautet, dass die Stabilisierung des Gilt‑Marktes von Faktoren abhängt – wie einer geopolitischen Entspannung, der politischen Nachfolge sowie der Inflationsentwicklung –, die weitgehend außerhalb des direkten Einflussbereichs der Regierung liegen. Solange nicht in mindestens zwei dieser drei Bereiche mehr Klarheit herrscht, ist davon auszugehen, dass die erhöhten Renditen sowie der ausgeweitete Gilt‑Bund‑Spread bestehen bleiben.
Aus Investorensicht erscheinen die aktuellen Renditen attraktiv und erfordern eine enge Beobachtung der weiteren Entwicklung. Abhängig von der individuellen Risikobereitschaft ergeben sich daraus potenzielle Möglichkeiten, Engagements auszubauen. Angesichts des weiterhin hohen Risikos einer erneuten Spreadausweitung erscheint der Zeitpunkt hierfür jedoch noch verfrüht.
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