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Asiens EM‑Aktien: Beginn eines Superzyklus?
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Schwellenländeraktien (Emerging Markets, EM) bewegen sich häufig in „Superzyklen“ – langen Phasen der Über- oder Underperformance gegenüber Industrieländern (Developed Markets, DM). Der letzte EM‑Aufwärtszyklus begann Ende der 1990er‑Jahre nach der Asienkrise und hielt bis in die frühen 2010er‑Jahre an. Darauf folgten fast 15 Jahre relativer EM‑Schwäche. Doch da EM‑Aktien nun bereits im zweiten Jahr in Folge besser abschneiden als DM, fragen sich Anleger zunehmend, ob wir vor einem neuen Superzyklus stehen. Wir analysieren die zugrunde liegenden Treiber – und finden überzeugende Gründe, die dafür sprechen.
Wirtschaftswachstum und der Industriezyklus
Schwellenländer entwickeln sich typischerweise gut in Phasen starken globalen Wirtschaftswachstums. In den 1990er- und frühen 2000er‑Jahren fungierte Chinas infrastrukturgetriebenes „Wachstumswunder“, mit einem BIP‑Wachstum von teils nahezu 15 %, als globaler Wachstumsmotor. EM‑Volkswirtschaften – mit ihrem höheren Anteil an zyklischen und margenschwächeren Sektoren wie Grundstoffe, Metall- und Bergbau sowie Fertigung – profitieren besonders von solchen Phasen. Zudem haben westliche Unternehmen große Teile ihrer Lieferketten nach Asien ausgelagert, etwa in den Bereichen Textilien, Halbleiter und Schiffbau.
Ein entscheidender Bestandteil solcher Aufwärtsphasen ist die Margenausweitung. In Zeiten robusten Wachstums entstehen physische Engpässe, wodurch sich die Verhandlungsmacht von den Käufern hin zu den Lieferanten verschiebt. Das führt zu steigenden Margen und höheren Bewertungsmultiplikatoren. Zentral ist hierbei der Industrie- und Rohstoffzyklus: Langanhaltende Unterinvestitionen in Abschwungphasen führen in Boomzeiten zu strukturellen Knappheiten, deren Auflösung oft viele Jahre dauert – im Bergbau mitunter sogar länger als ein Jahrzehnt.
Geopolitisch getriebener Investitionsboom
Die derzeitige Beschleunigung des globalen Wachstums ist tief in geopolitischen Verschiebungen verwurzelt. Der Aufstieg Chinas zu einer industriellen und technologischen Macht verändert die weltwirtschaftliche Landschaft grundlegend. Bis 2030 soll China voraussichtlich 45 % der globalen Industrieproduktion ausmachen, verglichen mit 11 % in den USA (im Jahr 2000 waren es noch 6 % bzw. 25 %). Diese Entwicklung stellt die Rolle der USA als globale Hegemonialmacht infrage und deutet auf ein Ende der seit dem Zweiten Weltkrieg bestehenden „Pax Americana“ hin. Hohe US‑Schulden verschärfen diese Dynamik: Gemäß der „Ferguson’s Law“ verliert jede Großmacht, die mehr für Schuldendienst als für Verteidigung ausgibt, früher oder später ihren Status.
Als Reaktion erhöhen die USA Zölle, holen Produktion ins Land zurück (reshoring) und drängen Verbündete, einen größeren Anteil an den Verteidigungsausgaben zu übernehmen. Dies hat weltweit expansive Fiskalpolitiken ausgelöst – mit Investitionen in militärisch‑industrielle Komplexe, Energieinfrastruktur und strategisch wichtige Rohstoffe. Eine zentrale Rolle spielen dabei künstliche Intelligenz und Robotik: Für die USA sind sie essenziell, um mit China zu konkurrieren, Produktion heimzuverlagern – wobei Roboter den Fachkräftemangel ausgleichen sollen – und das Wachstum zu beschleunigen, um das Schulden-BIP‑Verhältnis zu senken. So prognostiziert Nvidia jährliche Wachstumsraten von 40 % bei den globalen Investitionen in Rechenzentren, die bis 2030 auf rund 3,5 Billionen US‑Dollar steigen könnten. Elon Musk geht sogar noch weiter und erwartet Milliarden humanoider Roboter sowie eine „orbital AI layer“, bestehend aus Terawatt‑Rechenzentren und Solarfarmen im Weltraum, wofür jährlich Tausende Starship‑Starts erforderlich wären. Gleichzeitig strebt China danach, technologische Führerschaft zu erlangen und seine Selbstversorgung – insbesondere bei Halbleitern – zu stärken, während es seine Ambitionen in Bereichen wie KI, Robotik und Raumfahrt massiv ausbaut.
Die möglichen Entwicklungen sind naturgemäß zahlreich und unsicher. Dennoch zeigt die aktuelle Dynamik deutlich, wie Phasen intensiver geopolitischer Rivalität Innovation und wirtschaftliches Wachstum beschleunigen können. Ein historisches Beispiel hierfür ist das „Space Race“ zwischen den USA und der UdSSR in den 1960er‑Jahren oder die industriepolitische Konkurrenz nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen den USA, Deutschland und Japan, die zu Fortschritten in der Fertigungstechnik sowie zur Entwicklung von Düsentriebwerken, Hochgeschwindigkeitszügen und neuen IT‑ und Computertechnologien führte.
Asien als wichtiger Lieferant in einer angebotsbeschränkten Welt
In der Folge übertreffen die Gewinnerwartungen (EPS‑Wachstum) für Schwellenländer und für Asien ohne Japan mittlerweile jene der Industrieländer. Südkorea und Taiwan, zwei zentrale Lieferanten im globalen KI‑Wettlauf sowie im Verteidigungs‑ und Infrastrukturboom, verzeichnen deutlich beschleunigtes Wachstum. Unternehmen wie Samsung Electronics, SK Hynix und TSMC profitieren von strukturellen Engpässen bei Speicherchips und fortgeschrittenen Halbleitern, die durch die rasant steigende KI‑Nachfrage verursacht werden. Neben diesen Branchengrößen tragen zahlreiche weniger bekannte Firmen zur Produktion von Schiffen, Stromnetz‑Transformatoren, Kabeln, Schaltern und Leiterplatten für die KI‑ und Raumfahrtindustrie bei.
Geschätztes jährliches EPS‑Wachstum (im Jahresvergleich, in USD): Bloomberg‑Konsens

Quelle: DPAM, Bloomberg, 2026
Trotz der gestiegenen Gewinnerwartungen (EPS‑Wachstum) liegt das Forward‑KGV von MSCI Asia ex Japan weiterhin mehr als das Fünffache unter dem des MSCI World – und damit nach wie vor nahe seinem 20‑Jahres‑Hoch. Diese hohe Bewertungsdifferenz unterstreicht die attraktive Einstiegschance für Anleger.
Industrielles Upgrading und Reformen zur Verbesserung der Unternehmensprofitabilität
Historisch gesehen erzielten Schwellenländer ein stärkeres BIP‑Wachstum als Industrieländer. Dennoch hinkte das EPS‑Wachstum hinterher – insbesondere in Abschwungphasen, wenn Margen unter Druck gerieten. Ein zentraler Grund hierfür war die niedrige Unternehmensprofitabilität: Unternehmen, die ihren Umsatz jährlich um 15 % steigerten, aber nur eine Eigenkapitalrendite (ROE) von 5 % erzielten, generierten nicht genügend Barmittel, um ihr Wachstum selbst zu finanzieren. Das führte häufig zu Verwässerungseffekten für Aktionäre durch Kapitalerhöhungen.
Asiatische Regierungen setzen inzwischen verstärkt Reformen um, um Corporate Governance und Profitabilität zu verbessern. Die von Japan inspirierte „Value Up“-Bewegung wird inzwischen auch in Südkorea, China und weiteren Ländern übernommen. Ziel ist es, inländische Sparer dazu zu bewegen, verstärkt in heimische statt in ausländische Aktien zu investieren. Entsprechend soll die Fähigkeit der Unternehmen verbessert werden, in einem zunehmend kompetitiven Umfeld Kapital anzuziehen – indem sie Anreize erhalten, ihre Governance, ihre Eigenkapitalrendite (ROE) und die Rendite für (Minderheits‑)Aktionäre zu erhöhen.
Asiatische Unternehmen steigen weiter in der Wertschöpfungskette auf. Taiwan und Südkorea haben sich als globale Marktführer bei Halbleitern, im Schiffbau und in der Unterhaltungselektronik etabliert. Und wie wir Ende 2024 geschrieben haben, entwickelt sich China rasant zu einem weltweit führenden Akteur in mehreren fortgeschrittenen Industrien. Das Land dominiert den Sektor der erneuerbaren Energien, insbesondere die Produktion von Solarmodulen, Batterietechnologien und Elektrofahrzeugen. China steht zudem an der Spitze in den Bereichen fortgeschrittene Fertigung, künstliche Intelligenz, Robotik und der Raffination seltener Erden, die für die Lieferketten moderner Hightech- und grüner Technologien entscheidend ist. Darüber hinaus verzeichnet der chinesische Gesundheitssektor beschleunigtes Wachstum, mit zunehmenden Fähigkeiten in Biotechnologie, Pharma und Medizintechnik.Schließlich tragen Chinas Maßnahmen gegen „Involution“ – also gegen übermäßigen Wettbewerb und Überkapazitäten – dazu bei, ein stabileres industrielles Umfeld in ganz Asien zu schaffen.
Rückenwind durch die Binnennachfrage und Chinas politische Perspektiven
Während die aktuelle Rally vor allem auf Engpasssektoren wie Speicherchips, Energie und Rohstoffe ausgerichtet ist, dürften nachgelagerte Effekte folgen, da der Wachstumsanstieg positive Spillover auf Konsum, Kreditwachstum und Immobilienpreise hat. Chinas Immobilienmarkt und die inländische Nachfrage bleiben zwar schwach, doch bevorstehende politische Maßnahmen, die möglicherweise im Rahmen des Fünfjahresplans im März angekündigt werden, könnten strukturelle Reformen anstoßen, das Verbrauchervertrauen stärken und das Wachstum beschleunigen.
Währungsdynamik und Anlegerpositionierung
Obwohl Schwellenländer häufig von einer Schwächephase des US‑Dollars profitieren, betrachten wir dies als nachrangig gegenüber den oben beschriebenen fundamentalen Treibern. Die herausgeforderte Position der USA, höhere Zölle sowie eine lockerere Fiskal- und Geldpolitik lenken Kapital in Anlagen wie Gold und globale Aktien, einschließlich Schwellenländeraktien. Asiatische Investoren sind derzeit Nettoverkäufer von US‑Vermögenswerten und Käufer heimischer Aktien – begünstigt durch die „Value Up“-Programme und verbesserte Wachstumsaussichten.
Trotz zunehmender Zuflüsse bleibt die globale Positionierung jedoch gering: EM‑Mandate machen nur etwas mehr als 5 % des weltweit in Aktien verwalteten Vermögens aus, verglichen mit 11 % im MSCI All Country World Index. Um diese Lücke zu schließen, wären laut Schätzungen von JP Morgan Käufe von über 1 Billion US‑Dollar erforderlich.
Fazit
Wir sind der Ansicht, dass Schwellenländer – insbesondere in Asien – gut für eine strukturelle Outperformance positioniert sind, getragen von robustem Wirtschaftswachstum, Margenausweitung, geopolitischen Veränderungen, Unternehmensreformen und attraktiven Bewertungen. Risiken bestehen weiterhin, doch das fundamentale Umfeld wird zunehmend unterstützend.
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