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Hinter Kolumbiens Resilienz zeigen sich erste Risse
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Kolumbien startet mit einem von Spannungen geprägten makroökonomischen Umfeld in die Jahre 2026 und 2027. Einerseits hat sich die Wirtschaft widerstandsfähiger gezeigt, als viele Beobachter erwartet hatten. Andererseits hat sich die fiskalische Lage so deutlich und anhaltend verschlechtert, dass zunehmend Fragen hinsichtlich der wirtschaftspolitischen Glaubwürdigkeit und der langfristigen Tragfähigkeit der Staatsverschuldung aufkommen. Die aktuelle Entwicklung ist daher weniger von unmittelbarer Instabilität geprägt als vielmehr von der Herausforderung, dass die traditionellen institutionellen Stärken des Landes durch das Ausmaß der fiskalischen Ungleichgewichte auf die Probe gestellt werden.
Konjunkturell hat sich die Wirtschaft robuster entwickelt als erwartet. Das BIP-Wachstum beschleunigte sich im zweiten Quartal 2026, und die Inlandsnachfrage blieb stark. Getragen wurde diese Entwicklung vor allem vom Konsum und weniger von Investitionen. Auch die Importe legten deutlich zu, was die robuste Binnennachfrage widerspiegelt, während sich der Arbeitsmarkt vergleichsweise stabil zeigte. Gleichzeitig präsentiert sich die außenwirtschaftliche Lage deutlich stabiler als in früheren Jahren, da sich das Leistungsbilanzdefizit auf ein nachhaltigeres Niveau zurückgebildet hat. Diese Kombination aus solider wirtschaftlicher Aktivität und einem geringeren außenwirtschaftlichen Ungleichgewicht erklärt, warum Kolumbien bislang eine stärkere Marktreaktion vermeiden konnte.
Diese Widerstandsfähigkeit verdeckt jedoch einen zunehmend anspruchsvollen wirtschaftspolitischen Mix. Die Inflation befindet sich wieder im Aufwärtstrend, und die Inflationserwartungen sind weiterhin nicht ausreichend verankert. Verstärkt wird der Inflationsdruck durch die deutliche Anhebung des Mindestlohns, eine expansivere Fiskalpolitik als erwartet und die robuste Inlandsnachfrage. Zusätzliche Risiken ergeben sich aus dem El-Niño-Phänomen, steigenden Lebensmittel- und Energiekosten, höheren Öl- und Düngemittelpreisen sowie der anhaltenden geopolitischen Unsicherheit. Vor diesem Hintergrund bleibt die Geldpolitik restriktiv, und es gibt kaum Anzeichen für bevorstehende Zinssenkungen. Kolumbien versucht somit, fiskalische Impulse durch eine straffe Geldpolitik auszugleichen. Diese Kombination mag die nominale Stabilität stützen, geht jedoch mit höheren Finanzierungskosten und geringeren Investitionsanreizen auf mittlere Sicht einher.
Die fiskalische Entwicklung bleibt die zentrale Herausforderung. Das Ungleichgewicht ist nicht nur zyklischer, sondern vor allem struktureller Natur. Die Staatsausgaben sind deutlich schneller gestiegen als die Einnahmen, und die Verschlechterung geht über vorübergehende Belastungsfaktoren hinaus. Im regionalen Vergleich verfügt Kolumbien weiterhin über ein relativ niedriges Steueraufkommen. Eine begrenzte effektive Mehrwertsteuerbasis, zahlreiche Ausnahmeregelungen und ein großer informeller Sektor schränken die Einkommensteuerbasis erheblich ein. Schwache Staatseinnahmen sind jedoch nur ein Teil des Problems. Der unmittelbare Druck geht vor allem von der Ausgabenseite aus, wo die laufenden Staatsausgaben deutlich von ihrem langfristigen Trend abgewichen sind. Starre Budgetposten wie Rentenzahlungen, Gesundheitsausgaben, Transfers an regionale Gebietskörperschaften sowie energiebezogene Verbindlichkeiten machen einen erheblichen Teil dieser Ausweitung aus.
Für 2026 fällt die Einschätzung der fiskalischen Lage bereits deutlich negativer aus. Das Primärdefizit wird auf rund 3,9 % des BIP geschätzt, während das Gesamtdefizit etwa 7,8 % des BIP erreichen dürfte. Beide Werte liegen über den früheren offiziellen Annahmen. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Staatsausgaben, insbesondere die Schuldendienstkosten, erheblich unterschätzt wurden. Allein die Zinsausgaben dürften nun um etwa 0,6 % des BIP höher ausfallen als zuvor erwartet. Positiv ist jedoch, dass die fiskalische Lage mittlerweile realistischer dargestellt wird als in der Vergangenheit. Bilanzielle Verzerrungen wurden reduziert, und das tatsächliche Ausmaß des Ungleichgewichts wird offener benannt. Mehr Transparenz allein löst allerdings noch nicht das Finanzierungsproblem.
Die Aussichten für 2027 erscheinen sogar noch anspruchsvoller. Die Staatseinnahmen dürften hinter den bisherigen Haushaltsannahmen zurückbleiben, während die Ausgaben voraussichtlich über dem Niveau liegen werden, das unter der auslaufenden Petro-Regierung erwartet wurde. Unter den aktuellen Annahmen könnte das Primärdefizit auf rund 4,5 % des BIP und das Gesamtdefizit auf etwa 9,5 % des BIP ansteigen. Die Abweichung vom Zielwert der Fiskalregel würde sich damit deutlich auf rund 4,7 Prozentpunkte des BIP ausweiten. Die Nettoverschuldung dürfte wiederum bis 2027 auf etwa 67,3 % des BIP steigen. Damit läge sie zwar weiterhin unter der gesetzlichen Schuldenobergrenze von 71 %, jedoch deutlich über dem angestrebten fiskalischen Anker von 55 %. Kolumbien würde die formale Schuldenobergrenze somit zwar weiterhin einhalten, hätte jedoch deutlich weniger finanzpolitischen Handlungsspielraum und müsste einen spürbaren Verlust an Glaubwürdigkeit in Kauf nehmen.
Vor diesem Hintergrund ist die Finanzierung mittlerweile zu einem ebenso wichtigen Thema geworden wie das Defizit selbst. Der Finanzierungsplan für 2027 basiert auf einer wesentlich realistischeren Einschätzung des staatlichen Finanzierungsbedarfs als frühere Projektionen. Der Bruttofinanzierungsbedarf wird auf rund 266 Billionen kolumbianische Pesos (COP) beziehungsweise etwa 12,4 % des BIP geschätzt. Ausschlaggebend hierfür sind hohe Anleihefälligkeiten, deutlich gestiegene Schuldendienstkosten sowie die Korrektur früherer Annahmen, die das tatsächliche Ausmaß der Finanzierungslücke unterschätzt hatten. Als Reaktion darauf streben die Behörden eine Kombination aus fiskalischer Konsolidierung, aktivem Schuldenmanagement und einer konservativeren Finanzierungsstrategie an. Vorgesehen ist unter anderem ein Fiskalanpassungsgesetz, das durch Ausgabendisziplin und zusätzliche Einnahmemaßnahmen Einsparungen von rund 45 Billionen COP beziehungsweise etwa 2,2 % des BIP erzielen soll. Darüber hinaus werden weitere Entlastungen aus Maßnahmen des Schuldenmanagements in Höhe von rund 40 Billionen COP erwartet, wobei dieser Beitrag mit größerer Unsicherheit behaftet ist. Selbst wenn diese Maßnahmen vollständig umgesetzt werden, bleibt der verbleibende Finanzierungsbedarf außergewöhnlich hoch. Rund 180 Billionen COP müssten weiterhin über die Kapitalmärkte und offizielle Finanzierungsquellen gedeckt werden.
Ein zentrales Element der Strategie besteht darin, zu einer traditionelleren Finanzierungsstruktur zurückzukehren, bei der rund zwei Drittel der Mittel am heimischen Markt und ein Drittel im Ausland aufgenommen werden. Dies folgt auf eine Phase, in der die inländische Emission von Staatsanleihen überproportional zugenommen hatte. Auf der externen Seite sieht der Plan eine bedeutende Rolle für multilaterale Kreditgeber sowie die Emission von Anleihen in Hartwährungen vor. Ebenso wichtig ist der Versuch, die Berechenbarkeit des Schuldenmanagements wiederherzustellen. Dazu gehören klarere Emissionskalender, weniger opportunistische Markteingriffe sowie die Rückkehr zu einer konventionelleren staatlichen Finanzierungsstrategie. In diesem Zusammenhang verfolgt César Arias, Leiter des Schuldenmanagements, einen stärker marktorientierten und vorhersehbaren Ansatz, der auf Transparenz und Regelmäßigkeit bei Emissionen statt auf taktische Markteingriffe setzt. Die Schuldenmanagementbehörde schließt auch eine mögliche Beteiligung des IWF nicht aus und scheint daran interessiert, das gesamte Spektrum verfügbarer Finanzierungsquellen offen zu halten, um Flexibilität zu bewahren und die Glaubwürdigkeit der Finanzierungsstrategie für 2027 zu stärken.
Die entscheidende wirtschaftspolitische Frage lautet daher nicht, ob eine Anpassung notwendig ist, sondern wie sie politisch und wirtschaftlich umsetzbar gestaltet werden kann. Auf der Einnahmenseite besteht Spielraum für eine Ausweitung der Mehrwertsteuerbasis, den Abbau von Ausnahmeregelungen sowie eine Verbreiterung der Einkommensteuerbasis in einem Land, in dem bislang nur ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung Einkommensteuer zahlt. Auf der Ausgabenseite zählen die Reduzierung von Energie- und Kraftstoffsubventionen, eine Begrenzung des Wachstums von Löhnen und Transferleistungen, die Straffung von Teilen der öffentlichen Verwaltung sowie die Einschränkung bestimmter Ausnahmeregelungen im Gesundheitswesen zu den wirtschaftlich bedeutendsten Optionen. Der wahrscheinliche Anpassungspfad dürfte stärker auf Ausgabenkürzungen als auf Steuererhöhungen setzen, auch weil umfassende Steuererhöhungen politisch nur schwer durchsetzbar sind. Gleichzeitig müsste jede erfolgreiche Konsolidierungsstrategie schrittweise und realistisch ausgestaltet werden und besonders schutzbedürftige Haushalte entlasten, während zugleich ein glaubwürdiger fiskalischer Anker wiederhergestellt wird.
Zwei weitere Faktoren stützen den Ausblick zumindest teilweise. Erstens verfügt Kolumbien weiterhin über institutionelle Stärken, die vielen Ländern der Region fehlen: eine unabhängige Zentralbank, gut entwickelte lokale Kapitalmärkte, etablierte Strukturen im Schuldenmanagement sowie Zugang zu multilateralen und internationalen Finanzierungsquellen. Zweitens bestehen weiterhin unterstützende Faktoren, darunter sinkende Risikoprämien bei einer Verbesserung der wirtschaftspolitischen Glaubwürdigkeit, ein robuster Arbeitsmarkt sowie potenziell etwas höhere Ölpreise. Diese positiven Aspekte sollten jedoch nicht überschätzt werden. Höhere Ölpreise würden voraussichtlich nur begrenzte fiskalische Entlastung bringen, während die Ausgabenrisiken erheblich bleiben. Dazu zählen insbesondere die Arbeitsmarkt- und Rentenreformen sowie potenzielle Verpflichtungen im Gesundheits- und Energiesektor.
Insgesamt scheint Kolumbien in eine Phase einzutreten, in der die zugrunde liegenden fiskalischen Herausforderungen offener benannt werden und die mittel- bis langfristige Stabilität zunehmend von einer nachhaltigen politischen Reaktion abhängt. Positiv ist, dass die fiskalische Lage inzwischen realistischer bewertet wird und die Behörden offenbar entschlossen sind, die Vorhersehbarkeit von Haushaltsplanung und Schuldenmanagement wieder zu stärken. Problematisch bleibt jedoch, dass das fiskalische Ungleichgewicht inzwischen ein Ausmaß erreicht hat, bei dem die bloße Anerkennung der Problematik nicht mehr ausreicht. Ohne einen glaubwürdigen und über mehrere Jahre angelegten Konsolidierungspfad dürfte die Staatsverschuldung weiter steigen, der Finanzierungsbedarf hoch bleiben und die institutionelle Glaubwürdigkeit, die Kolumbien lange Zeit ausgezeichnet hat, allmählich erodieren. Langfristig wird daher eine neue Fiskalregel erforderlich sein.
Insgesamt bleibt Kolumbien bemerkenswert widerstandsfähig, steht jedoch unter zunehmendem fiskalischem Druck. Das Land verfügt weiterhin über wichtige institutionelle und marktbezogene Stärken, seine mittel- bis langfristige Stabilität wird jedoch entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, den inzwischen realistischeren Blick auf die Staatsfinanzen in wirksame politische Maßnahmen umzusetzen.
Aus Anlegersicht könnten Positionierungen im kurzen Laufzeitenbereich bei gleichzeitig begrenztem Durationsrisiko Vorteile bieten. Nach unserer Einschätzung bleibt dies derzeit der umsichtigste Ansatz.
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